Tauche mit mir ins Wort
JürgnvonK
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Faszination Wort: Hast du schon mal eines berührt?
Hast du schon mal vertieft über das bedeutungsvolle Sein von Worten nachgedacht?
Gesprochenes Wort
Das gesprochene Wort besteht aus Singsang und Zischlauten, die ein Mensch von sich gibt. Begleitet von Mimik, Stimmlage und nonverbalem Ausdruck zischen sie vom Gegenüber zu dir hin. Was Sender und Empfänger von diesen Zischlauten alles mitbekommen – und ob diese Zischlaute so interpretiert und aufgenommen werden, wie sie gemeint sind: das bleibt letztlich im luftleeren Raum hängen. Worte verhallen, klingen nach. Sind da. Aber greifbar sind sie nicht. Manchmal holen uns diese Zischlaute wieder ein: wenn jemand behauptet, wir hätten doch dies oder jenes gesagt, wir aber uns daran nicht mehr erinnern können (oder wollen). Oder wir feststellen müssen, dass wir das ja ganz anders gemeint hatten! Worte beflügeln, aber verwirren auch und oft zerstören sie. Verletzen. Dabei habe ich noch niemals so ein zartes Gebilde berührt...du vielleicht? Also: ist dies vielleicht ein Argument, dass Wesentliches weder greif- noch sichtbar ist?
Geschriebenes Wort
Na, wirst du sagen: da gibt es ja noch den schriftlichen Ausdruck, das geschriebene Wort! Ja. Und doch: auch ein geschriebenes Wort habe ich noch nie berührt. Allenfalls kommt die Blindenschrift einer solchen Berührung am nächsten. Und doch spüren wir, dass eine unverwechselbare Berührung DES Wortes unmöglich scheint. Beim Wort ist es wie bei einem homöopathischen Mittel: wenn ich ein Globuli analysiere ist womöglich nichts zu erkennen als Milchzucker und sonstige Substanzen. Wenn ich ein Buch analysiere, dann ergeben sich auch immer die gleichen Inhaltsstoffe: Zellulose, Klebstoffe, Farbstoffe und vielleicht noch paar Sachen mehr. Aber die in dem Buch vorhandenen Worte können als solche nicht nachgewiesen werden. Es ist die Information, welche die Worte (und das homöopathische Mittel) ausmachen. Geschriebene Worte sind im Grunde nichts anderes als ein paar vordefinierte Farbtupfer auf einem Papier – die digitale Welt mit ihren Nullen und Einsen lasse ich da lieber grad aussen vor. Ist das nicht irgendwie verrückt? Faszinierend? Wir alle wissen um das Gewicht der Worte – und doch hat noch niemand eines so richtig zwischen die Hände gekriegt, auch wenn sie uns mitunter im Halse stecken bleiben...
Wort – ein Heiligtum aus Buchstaben
Gerade deswegen scheint mir jeder Buchstabe irgendwie ein Heiligtum. Worte wirken (nebst sachlicher Kommunikation) für mich als Bindeglied zwischen Feinstofflichem und Grobstofflichem. Es WIRKT. Das geschriebene Wort wohl noch mehr als das gesprochene. Weil immerhin kann ich dieses «nach-lesen» auch wenn es physisch nicht berührbar ist. Es wirkt dennoch verbindlicher, klarer, echter, nachhaltiger. Auch wenn es im geschrieben Zustand immer noch verschieden interpretiert und verstanden werden kann.
Worte und Emotionen
Worte berühren. Auch wenn wir sie nicht berühren können. Faszinierend! Wir fühlen uns in Worte hinein und nehmen hierbei unsere eigenen Veranlagungen, Interpretationen, Empfindungen, unser ganz Eigenes mit. Worte führen je nach Gebrauch des Senders aber vor allem auch aufgrund des Empfänger-Status feinfühlig oder mit Keulenschlag direkt in die Emotion (und scheinbar später durch Bewusstwerdung ins Gefühl, aber dies ist eine komplexe Geschichte). Worte dienen uns jedoch genauso auf dem Weg hindurch. Und danach «hinaus». Helfen uns Emotionen zu verarbeiten. Für uns passend einzuordnen. Für uns ins «richtige» Licht zu rücken. Es gibt Leute, die behaupten, dass es für das Ereignis einer vollwertigen Emotion die persönliche Begegnung mit all ihrer Mimik und Berührung braucht. Hmm – ist das so? Teilweise vielleicht, doch es trifft mit Sicherheit nicht unbedingt immer und auf jeden Menschen zu. Und falls du schon mal ein Buch für dich ganz alleine gelesen hast (etwas, was man ja durchaus alleine macht...), dann hast du mit grosser Wahrscheinlichkeit auch schon die eine und andere Emotion durchlebt, als ob du selbst Teil des ganzen Geschehens seist. Emotionen hängen also durchaus mit inneren Bildern und Vorstellungen zusammen. Und vielleicht kann der eine und andere sie beim Durchleben eines Buches für sich alleine leichter, besser zulassen und echter empfinden.1)
Wie unvollständig wäre doch ein buchloses Leben...
Mit Worten in die eigene Mitte
Eine der grossen Verdienste von Buchstabenkombinationen sind eben wohl diese: sie können uns aus emotionaler Aufgewühltheit wiederum in stillere Gewässer führen. In die Ruhezone der eigenen Mitte. In die Verbindung mit dem Formlosen. In unseren inneren Raum, in innere Weite. Mir selbst gelingt dies immer wieder beim stillen oder halblauten Lesen. Und beim Schreiben. Ohne die Möglichkeit dieser wunderbaren inneren und äusseren Auseinandersetzung durch den schriftlichen Ausdruck wäre mein Aspekt-Leben ein ganz schwieriges... - wie ergeht es dir mit Worten?
1) Dazu ein Zitat von Irmtraud Tarr, aus «Trost – die Kunst der Seele gut zu tun» Herder-Verlag. Kapitel Lesen – Heilstätte der Seele:
„Ich behaupte sogar, dass man alle Gefühle lesend erfahren kann. Und dass ein gelesener Satz das eigene Leben verändern kann. (...) Bücher entfernen uns nicht aus der Realität, sie verankern uns in ihr. Es entsteht eine Art Rückkoppelung, weil man das, was man liest, stets mit den eigenen Erfahrungen vergleicht.“
Wie schwer wiegt ein Wort?